BfR-Analyse stellt zentrale Argumente für ein eigenes Tierversuchsgesetz auf den Prüfstand

Ärzte gegen Tierversuche sieht die sachliche Aufarbeitung als wichtige Grundlage für politische Entscheidungen.
Untersuchung findet keine Belege für eine Schwächung des Forschungsstandorts durch Genehmigungsverfahren
Die Zahl der Tierversuche in Deutschland geht seit einigen Jahren leicht zurück. Ärzte gegen Tierversuche e.V. begrüßt diesen Trend, hält das weiterhin hohe Niveau jedoch für inakzeptabel. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat nun untersucht, welche Ursachen hinter dem Sinken der Tierversuchszahlen stehen (1). Als eine mögliche Erklärung nennt der Bericht den zunehmenden Einsatz tierversuchsfreier Methoden. Zugleich prüft das BfR Befürchtungen, die sinkenden Tierzahlen könnten Ausdruck einer Schwächung des Forschungsstandorts oder einer Verlagerung von Tierversuchen ins Ausland sein. Ärzte gegen Tierversuche (ÄgT) sieht die sachliche Aufarbeitung als wichtige Grundlage für politische Entscheidungen auf Basis belastbarer Daten.
“Dass etwas weniger Tiere in Versuchen eingesetzt werden, ist erstmal eine gute Nachricht”, sagt Dr. Johanna Walter, wissenschaftliche Referentin bei ÄgT. “Besorgniserregend ist es dagegen, wenn sinkende Tierzahlen von Teilen der Wissenschaft als Warnsignal für eine angeblich nachlassende Innovationskraft Deutschlands dargestellt werden.” Das BfR untersuchte unter anderem, ob Tierversuche wegen schwieriger Rahmenbedingungen ins Ausland verlagert werden und ob Genehmigungsverfahren den Forschungsstandort schwächen. Diese Befürchtungen waren laut Bericht “vonseiten der Wissenschaft” an das BfR herangetragen worden (1).
Auffällig ist, dass sich die vom BfR untersuchten Thesen weitgehend mit den Argumenten decken, mit denen Wissenschaftsorganisationen im Lobbyregister ihre Forderung nach einem eigenständigen Tierversuchsgesetz begründen. Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen bezeichnet das bestehende Tierversuchsrecht etwa als “enormen Wettbewerbsnachteil” und verweist auf Bürokratie, Rechtsunsicherheit und föderale Unterschiede, die dazu führten, dass Tierversuche “kaum mehr praktikabel” umzusetzen seien (2). Auch eine Verlagerung von Tierversuchen ins Ausland wird als mögliche Folge genannt. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft erklärte, Forschende sähen die “Leistungsfähigkeit und Innovationskraft des Wissenschaftssystems in Deutschland gefährdet” (3).
Die Ergebnisse des BfR zeichnen jedoch ein anderes Bild. Die biomedizinische Publikationsleistung von Forschenden mit deutscher Institutszugehörigkeit ist nicht zurückgegangen, sondern gestiegen. In einer Stichprobe von Tierversuchen mit Ratten nahm zwar der Anteil der im Ausland durchgeführten Versuche leicht zu. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass deutsche Genehmigungsverfahren die Ursache sind. Das BfR weist ausdrücklich darauf hin, dass eine Zunahme internationaler Forschungskooperationen eine Erklärung sein kann. Auch dafür, dass aufwändige Genehmigungsverfahren den Rückgang der Tierversuchszahlen verursachen, erkennt das BfR in seinen Daten keinen entsprechenden Hinweis. Als mögliche Ursachen nennt der Bericht vielmehr unter anderem den zunehmenden Einsatz tierversuchsfreier Methoden in Neurowissenschaften und Immunologie sowie Veränderungen bei der Forschungsfinanzierung (1).
“Die Unzufriedenheit der Antragsteller mit dem Genehmigungsverfahren ist kein Beleg dafür, dass Tierversuche in Deutschland durch Bürokratie verhindert werden oder der Forschungsstandort geschwächt wird”, sagt Walter. Tatsächlich werden in Deutschland über 99 % der Tierversuchsanträge genehmigt (4). Deutschland ist bei den Genehmigungszeiten im europäischen Vergleich unauffällig (5). Wie jetzt die BfR-Analyse aufdeckt, wird sogar ein Vielfaches der Tierzahl genehmigt, die später tatsächlich verwendet und gemeldet wird (1).
“Vor diesem Hintergrund lässt sich das Bild eines durch das Genehmigungssystem blockierten Forschungsstandorts – in dem sich Tierversuche kaum noch praktikabel durchführen lassen – nicht aufrechterhalten”, so Walter. “Aus Unzufriedenheit mit einzelnen Verfahren weitreichende Schlussfolgerungen über die Innovationskraft Deutschlands oder die Notwendigkeit eines eigenen Gesetzes zu ziehen, ohne dafür belastbare Belege vorzubringen, entspricht aus unserer Sicht nicht dem Anspruch an wissenschaftliche Politikberatung.”
Ärzte gegen Tierversuche begrüßt daher die BfR-Analyse als wichtige Grundlage für eine faktenbasierte politische Debatte. Sinkende Tierversuchszahlen sollten nicht als Beleg für eine Schwächung des Forschungsstandorts umgedeutet werden. Probleme bei einzelnen Genehmigungsverfahren oder eine uneinheitliche Verwaltungspraxis begründen nicht die Notwendigkeit eines eigenständigen Tierversuchsgesetzes.
Aus Sicht von ÄgT greift die Debatte ohnehin zu kurz, solange sie sich darauf konzentriert, wie die Genehmigung von Tierversuchen vereinfacht werden kann. Ergebnisse aus Tierversuchen ermöglichen keine Vorhersage darüber, ob eine Substanz oder Behandlung beim Menschen wirksam und sicher ist. Über 90 % der im Tierversuch als erfolgreich getesteten Medikamente scheitern in der Testung am Menschen, vor allem, weil sie nicht wirken oder gar schaden (6). Die Genehmigung einer solchen Methode zu erleichtern ist daher kein überzeugender Hebel für mehr Innovation. Entscheidend ist vielmehr, die Forschung konsequent auf moderne humanrelevante Methoden umzustellen, die wissenschaftlich und regulatorisch zunehmend an Bedeutung gewinnen. Dazu braucht es gezielte Investitionen, geeignete Förderprogramme und klare politische Prioritäten.
Weitere Informationen:
Bundestagspetition “Stoppt das geplante Tierversuchsgesetz”
https://www.aerzte-gegen-tierversuche.de/de/helfen/aktiv-werden/kampagnen/stoppt-das-geplante-tierversuchsgesetz
Quellen – Links zu den Quellen auf der ÄgT-Webseite unter https://www.aerzte-gegen-tierversuche.de/de/news/bfr-analyse-stellt-zentrale-argumente-fuer-ein-eigenes-tierversuchsgesetz-auf-den-pruefstand
(1) Sinkende Versuchstierzahlen in Deutschland: Wissenschaftsbericht des Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), 02.09.2026
(2) Innovationsfreiheitsgesetz, Stellungnahme der Allianz der Wissenschaftsorganisationen vom 20.05.2026
(3) Tierexperimentelle Forschung: DFG-Senatskommission fordert Neujustierung der Genehmigungsverfahren für Tierversuche, Deutsche Forschungsgemeinschaft, 01.10.2025
(4) Strittmatter S.: Low rejection rate for animal experiments in Germany despite legal reform. ALTEX 2026, 43(2): 345-346
(5) EU-Kommission, Second EU Implementation Report, SWD(2024)183
(6) Filipova D. et al. Need for NAMs: A systematic evidence synthesis revealing over half a century of drug development failure, NAM Journal 2026; 2: 100119
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“Medizinischer Fortschritt ist wichtig – Tierversuche sind der falsche Weg!” – Unter diesem Motto setzt sich Ärzte gegen Tierversuche e.V. seit 1979 für eine tierversuchsfreie Forschung ein, die auf dem Einsatz von modernen Methoden z.B. mit menschlichen Zellkulturen und Organchips sowie der Ursachenforschung und Vorbeugung von Krankheiten basiert. Ziel ist die Abschaffung aller Tierversuche und damit eine ethisch vertretbare, am Menschen orientierte Medizin – eine Wissenschaft, die durch moderne, tierversuchsfreie Testmethoden zu relevanten Ergebnissen gelangt.
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