“Voices be Heard”: Religiöse & weltanschauliche Gruppen fordern Gehör beim Menschenrechtsforum Frankfurt

Ein Gedenktag gibt Opfern ein Gesicht: Überlebende und Vertreter von Ahmadiyya, Jesiden, Uiguren und Shaolin berichten eindringlich von Verfolgung, Diskriminierung und ihrem Kampf um Menschenrechte.
“Für mich trägt dieser Gedenktag ein Gesicht”
Anschließend sprachen Vertreterinnen und Vertreter einzelner Gemeinschaften direkt vor dem Forum.
Der Jurist Wahaj Bin Sajid vom Rat der Religionen Frankfurt sprach für die Ahmadiyya Muslim Jamaat, eine muslimische Reformgemeinschaft mit rund 60.000 Mitgliedern in Deutschland und mehreren zehn Millionen Anhängern weltweit. Er erinnerte an seinen Cousin Nasir Mahmood Khan, der 2010 bei einem Terroranschlag auf zwei Ahmadi-Moscheen in Lahore, Pakistan, ums Leben kam, als er versuchte, eine Handgranate von Mitgläubigen fernzuhalten ” ein Anschlag, bei dem 94 Menschen getötet und über 120 verletzt wurden. Bin Sajid schilderte die seit 1974 bestehende verfassungsrechtliche und seit 1984 strafrechtliche Diskriminierung von Ahmadis in Pakistan und wies auf die hohe Ablehnungsquote von Asylanträgen von Ahmadis durch das BAMF in erster Instanz hin, die in der Mehrzahl der Fälle später gerichtlich revidiert werde. Zugleich betonte er das gesellschaftliche Engagement der Ahmadiyya-Gemeinde in Deutschland ” unter anderem in der Flutkatastrophe im Ahrtal ” und warnte vor zunehmendem antimuslimischem Rassismus, der auch junge, gut integrierte Muslime in Deutschland betreffe.
Murad Murad, Vorsitzender der Jesidischen Gemeinschaft Thüringen e.V. und selbst aus Sinjar im Irak stammend, sprach als Überlebender des am 3. August 2014 durch die Terrororganisation “Islamischer Staat” verübten Völkermords an den Jesiden. Er schilderte, wie Tausende Menschen ermordet und Frauen sowie Kinder verschleppt, versklavt und verkauft wurden, während die kurdische Peschmerga sich zuvor kampflos zurückgezogen hatte. Nach seinen Angaben werden bis heute mehr als 2.500 Jesidinnen und Jesiden vermisst, zahlreiche Massengräber seien noch nicht exhumiert, und viele Vertriebene lebten seit zwölf Jahren unter prekären Bedingungen in Lagern. Murad beklagte, dass der Wiederaufbau in Sinjar ” anders als in anderen Regionen des Irak ” ausbleibe, und berichtete von anhaltenden religiös motivierten Anfeindungen gegen Jesiden. Die Jesidische Gemeinschaft Thüringen e.V. engagiere sich seit drei Jahren mit Projekten vor Ort, etwa zur Trinkwasserversorgung und einem Bildungszentrum für Kinder, und schlug den Aufbau eines Zentrums für Religionsfreiheit und Menschenrechte in Sinjar vor, für das er um Unterstützung warb.
Haiyuer Kuerban, Leiter des Berliner Büros des World Uyghur Congress, schilderte seinen eigenen Weg zum Glauben in seiner Kindheit in China sowie die seither erlebte staatliche Repression gegen die Religionsausübung der uigurischen Bevölkerung ” von Verhören und Zugangsverboten zu Moscheen in den 1990er-Jahren bis zur heutigen systematischen Internierung in Ostturkestan/Xinjiang. Er berichtete von der Zerstörung Tausender Moscheen und Friedhöfe sowie von Berichten, wonach religiöse Riten wie Begräbnisgebete unterlassen und Betroffene teils zum Verzehr von Schweinefleisch oder Alkoholkonsum gezwungen würden. Kuerban schilderte zudem, dass sein internationales Engagement für die uigurische Gemeinschaft nach eigener Aussage Repressalien gegen seine Familie in China zur Folge habe. Er appellierte an die anwesenden Vertreter anderer Glaubensgemeinschaften sowie an Politik und Menschenrechtsorganisationen, nicht wegzusehen und den Uiguren Gehör zu verschaffen.
Großmeister Shifu Shi Miao Sheng, Mönch der 36. Generation und Vertreter des über 1.500 Jahre alten Shaolin-Erbes des Songshan Shaolin Temple, sprach über die jüngste Krise um den früheren Abt Shi Yong Xin, dem Veruntreuung und Ordensverstöße vorgeworfen werden. Er plädierte dafür, individuelles Fehlverhalten transparent aufzuarbeiten, ohne die gesamte spirituelle Gemeinschaft und ihre Gläubigen unter Generalverdacht zu stellen, und rief Politik und Zivilgesellschaft zu Schutz vor Kollektivstrafen, aktiver Gewährleistung der Religionsfreiheit und interreligiösem Dialog auf. Die Vorführung traditioneller Shaolin-Kampfkunst begleitete den Beitrag.
Zum Abschluss des Panels trug Sara Mohamed, Mitgründerin von Nile Youth, einer Community für sudanesische junge Menschen in Deutschland, ihr Gedicht “Just a Human” vor, in dem sie ihre persönliche Lebensgeschichte und ihren Kampf beschreibt, sich als junge schwarze Muslima in der westlichen Welt zu behaupten.
“Spott, Verfolgung, Gewalt ” ein schleichender Weg in die Tragödie”
Dr. Márk Nemes, Religionswissenschaftler und international anerkannter Experte, stellte das sogenannte “Rome Model” vor, das die OSZE 2011 zur Beschreibung des schleichenden Übergangs von gesellschaftlicher Ausgrenzung zu Verfolgung entwickelt hat ” von gesellschaftlicher Häme und Misstrauen über staatliche Diskriminierung bis hin zu breiter, teils staatlich geduldeter Verfolgung. Er verwies auf aktuelle Fallbeispiele weltweit ” von der Situation der Ahmadiyya in Pakistan und der Rohingya in Myanmar über Baha’i in Iran und Jemen bis zu religiös Verfolgten in Russland und China, wo unter anderem Zeugen Jehovas, die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, Scientology und die Familienföderation als illegal eingestuft werden. Als weitere Beispiele nannte er eine Polizeidurchsuchung bei der Gruppierung AROPL in Crewe, Großbritannien, eine Durchsuchung bei der Glaubensgemeinschaft Twelve Tribes in den USA im Februar 2026 sowie einen tätlichen Angriff auf Mitglieder der Christian Gospel Mission in Taiwan. Auch die Situation von Shincheonji in Südkorea, wo Gemeindeleiter Man-Hee Lee sich zum Zeitpunkt seines Vortrags in Untersuchungshaft befand, sowie den tödlichen Angriff auf einen Königreichssaal der Zeugen Jehovas in Hamburg vor drei Jahren führte er als Beispiele an. Nemes appellierte an Medien und Öffentlichkeit, in der Berichterstattung über Religionsgemeinschaften mit größerer Sorgfalt zu differenzieren, um diesen “schleichenden Prozess” nicht zu beschleunigen.
Ein weiterer Vertreter des Zentrums für die Angelegenheiten der Jesiden, Quato Haskan, ergänzte in einem zweisprachig mit Übersetzer gehaltenen Beitrag, dass Hassrede, Hetze und Vorwürfe des Unglaubens auch heute noch eine reale Gefahr für das Leben des jesidischen Volkes in der Region Kurdistan und im Irak insgesamt darstellten.
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