Warum ein Programmierer das Tarot-Deck von 1909 mit dem Lineal vermaß – und einen 117 Jahre alten Code fand

Millionen Menschen nutzen das Rider-Waite-Tarot, um in die Zukunft zu blicken. Doch fast niemand hat je ein Lineal an die Zeichnungen von 1909 gelegt.
Machen Sie ein kurzes Experiment. Falls Sie ein klassisches Tarot-Deck im Haus haben – das Standard-Deck in der blauen Schachtel, dessen Design sich seit 1909 nicht verändert hat -, holen Sie es und suchen Sie Karte Nummer 16: “Der Turm”. Legen Sie ein Lineal exakt senkrecht durch die Mitte des grauen Turms.
Rund um die beiden stürzenden Figuren hängen kleine gelbe Tropfenflammen am schwarzen Himmel. In jedem Esoterik-Handbuch der letzten hundert Jahre steht, dass es 22 Flammen sind – eine für jede Karte der Großen Arkana. Eine hübsche, symmetrische Zahl, die jeder ungeprüft abschreibt. Doch zählen Sie nach, links und rechts Ihres Lineals: Es sind zwölf Flammen auf der linken Seite. Und zehn auf der rechten. Die Karte ist nicht im Gleichgewicht. Auf einer Seite des Himmels klafft ein Loch in der Größe von zwei kleinen Flammen.
Nehmen Sie als Nächstes Karte Nummer 1, “Der Magier”. Sein erhobener Stab neigt sich um exakt drei Grad nach links. Sein ausgestreckter Zeigefinger weist im Winkel von 33 Grad nach rechts unten. Verbindet man die Spitze des Stabs mit der Spitze des Zeigefingers durch eine gerade Bleistiftlinie, verläuft diese im 36-Grad-Winkel mitten durch sein Gesicht – haarscharf links an der Nasenwurzel vorbei – und verlässt den rechten Kartenrand bei exakt zwei Dritteln (0,66) der Kartenhöhe. Legt man ebendiese Linie auf die darauffolgende Karte (“Die Hohepriesterin”), trifft der obere Austrittspunkt im Lot exakt das weiße “B” auf der schwarzen Säule, während der untere Punkt bei 0,66 millimetergenau die Spitze der Mondsichel zu ihren Füßen schneidet.
In der Softwareentwicklung gibt es für solche Anomalien eine einfache Regel: Eine Abweichung ist entweder ein Fehler oder eine bewusste Entscheidung. Ein Fehler wirkt schlampig. Eine Entscheidung kostet Mühe – und irgendjemand hat den Preis dafür bezahlt.
Die Frau, die für achtzig Bilder mit einem Almosen bezahlt wurde
Im Frühjahr 1909 saß in London eine 31-jährige Künstlerin namens Pamela Colman Smith – von ihren Freunden am Lyceum Theatre “Pixie” genannt – an ihrem Zeichentisch. Sie war eine Ausnahmeerscheinung der Bohème: aufgewachsen in Jamaika, befreundet mit Bram Stoker und W. B. Yeats, und die erste Malerin überhaupt, die der legendäre Fotograf Alfred Stieglitz in seiner New Yorker Galerie ausstellte. Zudem besaß Smith eine neurologische Besonderheit, die man heute Synästhesie nennt: Wenn sie Musik hörte, sah sie geometrische Formen und Farben. Chopin wurde unter ihrem Bleistift zu Gärten, Beethoven zu Türmen.
Als der Mystiker A. E. Waite sie 1909 beauftragte, für ein geringes Pauschalhonorar 78 Tarotkarten zu illustrieren, gab er ihr für die meisten Karten kaum mehr als grobe Textvorgaben. Den Rest – die Körperhaltungen, die Architektur und vor allem die präzisen Blickrichtungen (“Gazes”) jeder einzelnen Figur – schuf Smith allein zwischen April und Oktober 1909. Während ihr Deck millionenfach gedruckt wurde, erhielt sie niemals Tantiemen. Sie starb im September 1951 im Alter von 73 Jahren völlig verarmt in einer kleinen Dachwohnung im kornischen Küstenort Bude. Ihre Besitztümer wurden versteigert, um ihre Schulden zu decken; ihr Grab auf dem Friedhof von St Michael’s ist bis heute unmarkiert.
Tarot als Benutzeroberfläche und Spieltheorie
Genau an dieser historischen Bruchstelle setzt der neue englischsprachige Thriller “79: The Seventy-Ninth Card” (ISBN: 9798161723838) von François R. Bonchamp an. Der Ich-Erzähler Cormac Corrigan ist kein Mystiker, sondern ein irischer Systemprogrammierer in der Londoner City, der die tiefste Codeschicht des Banken-Clearings prüft. Für ihn ist das Deck von 1909 kein Orakel, sondern “das am besten designte User Interface der Welt”: 78 definierte Zustände und eine feste visuelle Grammatik aus Blickvektoren.
Im Roman stößt Corrigan durch seine Messungen auf das bestgehütete Geheimnis eines fiktiven Oxforder Colleges: Seit dem späten 19. Jahrhundert wird dort einer winzigen Elite beigebracht, die Karten nicht als Wahrsagerei zu lesen, sondern als spieltheoretisches Koordinationsbrett (“The Square”). Werden 33 Karten in einem festen Raster ausgelegt, verraten die Blickachsen der Figuren – wer schaut wen an, wer blickt als “Witness” frontal aus der Karte heraus auf den Leser? – jedem Eingeweihten exakt, zu welchem Schluss alle anderen Eingeweihten in Bankenvorständen, Gerichten und Ministerien kommen werden.
Es ist das erschreckend plausible Modell einer Verschwörung, die keine Befehle, keine Rauchzimmer und keine Absprachen mehr braucht: Wenn tausend Entscheidungsträger auf dieselbe Weise “gestimmt” sind wie die Saiten eines Klaviers in der gleichstufigen Stimmung, handeln sie im Krisenfall wie ein einziger Organismus – bis hin zur lautlosen Beseitigung eines Zeugen, ohne dass je jemand eine formelle Anordnung erteilt hat.
Das Buch, das sein eigenes Beweismaterial mitliefert
Was “79: The Seventy-Ninth Card” von gewöhnlicher Spannungsliteratur unterscheidet, ist der radikale Verzicht auf erzählerische Behauptungen: Der Leser wird eingeladen, jede geometrische Entdeckung des Protagonisten mit dem eigenen Lineal zu überprüfen. Mehr noch: Im Anhang liefert das Buch auf über zwanzig Seiten das komplette Handbuch (“The Reading of the Pack”) samt einer vollständigen Vektor- und Blickrichtungs-Tabelle aller 78 Originalkarten von 1909 mit.
Und die namensgebende 79. Karte? Im System des Buches bleibt unter dem 33-Karten-Raster, direkt an der Tischkante vor dem Stuhl, ein Platz frei. Es ist die Schwachstelle, die Pamela Colman Smith 1909 absichtlich im System offenließ, damit das Machtmonopol eines Tages gebrochen werden kann: der Platz des Lesers selbst.
“Nehmen Sie Ihr eigenes Deck aus dem Regal”, schreibt Bonchamp im Prolog. “Legen Sie es neben diese Seite. Wenn Sie es nicht nachprüfen können, glauben Sie es nicht.”
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Der Mann mit dem Lineal: Warum ein Systemarchitekt das Tarot neu vermaß
Wenn François R. Bonchamp ein Tarot-Deck in die Hand nimmt, sucht er nicht nach Schicksalsdeutungen, sondern nach der Spezifikation. Seit mehr als dreißig Jahren entwickelt und prüft der IT-Spezialist komplexe Softwaresysteme – jene unsichtbaren Schichten aus Code und Protokollen, die im Hintergrund moderner Institutionen dafür sorgen, dass Daten und Transaktionen reibungslos fließen. Es ist ein Beruf, der absoluten Skeptizismus verlangt: Was wahr ist, hat einen Mechanismus; und wenn es einen Mechanismus hat, kann man ihn zeichnen und nachmessen.
Genau diese Ingenieurs-Mentalität ließ Bonchamp nicht mehr los, als er begann, die 78 Illustrationen zu untersuchen, die die synästhetische Künstlerin Pamela Colman Smith (“Pixie”) im Jahr 1909 für den Londoner Verleger William Rider zu Papier brachte. Ausgestattet mit Stahllineal, Winkelmesser und Lupe legte Bonchamp über Monate hinweg ein vollständiges geometrisches Inventar des Decks an. Er zählte die asymmetrisch verteilten Flammen auf der Karte “Der Turm” (zwölf links, zehn rechts), vermaß die 36-Grad-Diagonale durch das Gesicht des “Magiers” und erfasste für jede einzelne der 78 Karten die exakte Blickrichtung der Figuren.
Das Ergebnis dieser akribischen Vermessungsarbeit bildet das Rückgrat seines Thrillers “79: The Seventy-Ninth Card”. Wie sein Protagonist Cormac Corrigan bewegt sich auch Bonchamp mühelos zwischen zwei Welten, die sich sonst kaum berühren: der harten Logik von Serverräumen, Musiktheorie (der Mathematik der gleichstufigen Stimmung) und Spieltheorie auf der einen Seite – und der Kulturgeschichte des “Hermetic Order of the Golden Dawn” auf der anderen. Mit dem im Anhang des Romans abgedruckten Handbuch “The Reading of the Pack” liefert Bonchamp den Leserinnen und Lesern nicht nur eine Fiktion, sondern das erste vollständig überprüfbare Koordinatensystem für das berühmteste Kartendeck der Moderne.
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