Wenn die Zuverlässigen ausfallen: Warum Unternehmen Erschöpfung mit fehlender Motivation verwechseln

Was, wenn Ihre zuverlässigsten Mitarbeiter nicht unmotiviert, sondern längst überlastet sind? Warum Unternehmen genauer hinschauen sollten, bevor sie noch mehr Leistung erwarten.
Aktueller AOK-Fehlzeiten-Report zeigt deutlichen Anstieg psychisch bedingter Ausfalltage. Motivationsexperte Norman Gräter fordert einen Perspektivwechsel in der Führung: weniger zusätzliche Erwartungen, sondern mehr Klarheit über vorhandene Kapazitäten.
Die psychisch bedingten Fehlzeiten bei AOK-versicherten Beschäftigten sind innerhalb von zehn Jahren um knapp 42 Prozent gestiegen. Das zeigt der am 8. Oktober veröffentlichte Fehlzeiten-Report 2026 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Während 2016 noch 284 Arbeitsunfähigkeitstage je 100 Mitglieder erfasst wurden, waren es 2025 bereits 403. Gleichzeitig stehen viele Unternehmen unter wirtschaftlichem Druck. Für den Keynote Speaker und Motivationsexperten Norman Gräter ist das ein Anlass, die Diskussion über Leistungsbereitschaft und Mitarbeiterführung zu erweitern.
“Wir fragen uns häufig, wie wir Mitarbeiter zu noch mehr Leistung motivieren können. Dabei sollten wir zunächst prüfen, ob diejenigen, die wir motivieren wollen, nicht längst an ihrer Belastungsgrenze arbeiten”, sagt Gräter. “Nicht jedes Leistungsproblem ist ein Motivationsproblem.”
Wenn aus Hilfsbereitschaft eine dauerhafte Mehrbelastung wird
Ein Kollege fällt krankheitsbedingt aus. Die übrigen Mitarbeiter übernehmen seine Aufgaben. Zunächst funktioniert das, weil das Team zusammenhält und niemand die anderen im Stich lassen möchte. Doch die zusätzliche Arbeit bleibt, während neue Aufträge, Kundenanfragen und Termine hinzukommen.
Irgendwann fragt die Führungskraft: “Könntest du das vielleicht auch noch schnell übernehmen?” Der Mitarbeiter antwortet: “Ja, klar.” Obwohl er längst nicht mehr weiß, wie er seine Aufgaben bewältigen soll.
“Der Chef denkt möglicherweise, seine Mannschaft brauche neue Motivation. Der Mitarbeiter denkt dagegen: Ich bin doch motiviert. Ich kann einfach nicht noch mehr”, beschreibt Gräter eine typische Konfliktsituation.
Besonders problematisch sei, dass gerade zuverlässige Beschäftigte häufig zusätzliche Verantwortung übernähmen. Wer selten klage und Aufgaben zuverlässig erledige, werde leicht als dauerhaft belastbar wahrgenommen. Ein freundliches “Passt schon” sei jedoch kein verlässlicher Hinweis auf freie Kapazitäten.
Psychische Belastungen betreffen das gesamte Unternehmen
Der aktuelle Fehlzeiten-Report unterstreicht die Bedeutung mentaler Gesundheit für die Arbeitswelt. Psychische Erkrankungen führten 2025 bei AOK-versicherten Beschäftigten im Durchschnitt zu 28,5 Arbeitsunfähigkeitstagen je Krankheitsfall. Der Bericht zeigt außerdem Zusammenhänge zwischen wirtschaftlichen Sorgen und psychischen Belastungen wie Erschöpfung.
Die Ergebnisse erlauben keine pauschale Aussage darüber, warum einzelne Beschäftigte erkranken oder weniger leisten. Für Gräter verdeutlichen sie jedoch, dass Unternehmen Leistungsfähigkeit nicht losgelöst von Arbeitsbedingungen betrachten sollten.
“Auch Führungskräfte und Personalverantwortliche stehen unter enormem Druck. Sie sollen Leistung ermöglichen, fehlende Mitarbeiter ersetzen, Kunden zufriedenstellen und gleichzeitig ihre Teams motivieren. Wenn dann die Belastung steigt, bekommt die Personalabteilung manchmal noch den Auftrag, ein Konzept gegen Überlastung zu entwickeln”, sagt Gräter.
Seine zentrale Frage lautet deshalb: “Wer kümmert sich eigentlich um die Menschen, die sich um alle anderen kümmern sollen?”
Eine andere Führungsfrage kann den Unterschied machen
Gräter empfiehlt Unternehmen, bei zusätzlichen Aufgaben stärker über Prioritäten und Ressourcen zu sprechen. Statt lediglich zu fragen, ob ein Mitarbeiter noch etwas übernehmen könne, sollten Führungskräfte eine andere Frage stellen:
“Wenn du das jetzt übernimmst, was lassen wir dafür liegen?”
Damit werde aus einer einseitigen Erwartung eine gemeinsame Entscheidung. Mitarbeiter könnten ihre Einschätzung einbringen, Führungskräfte erhielten ein realistischeres Bild der Arbeitsbelastung und notwendige Prioritäten würden sichtbar.
“Diese Frage schafft keine zusätzlichen Mitarbeiter und löst auch keine wirtschaftlichen Probleme. Aber sie verhindert möglicherweise, dass wir Engagement mit unbegrenzter Belastbarkeit verwechseln”, erklärt Gräter.
Entscheidend sei anschließend, tatsächlich Prioritäten zu verändern. Wer zusätzliche Aufgaben verteile, ohne andere zu streichen oder Ressourcen bereitzustellen, könne Überlastung nicht allein durch Wertschätzung ausgleichen.
Leistungsfähigkeit und Menschlichkeit gehören zusammen
Nach Ansicht Gräters brauchen Unternehmen gerade in schwierigen Zeiten engagierte Menschen, klare Ziele und wirtschaftliche Verantwortung. Gleichzeitig müsse Führung die Voraussetzungen schaffen, unter denen Beschäftigte dauerhaft gute Arbeit leisten können.
“Menschlichkeit ist kein Gegensatz zu Leistung. Sie ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Leistung langfristig möglich bleibt”, sagt Gräter.
Sein Appell an Unternehmer und Führungskräfte: “Bevor wir Menschen zu noch mehr Leistung motivieren wollen, sollten wir genauer hinschauen, was sie bereits leisten.”
LOOK AGAIN. Schau noch einmal hin.
Über Norman Gräter
Norman Gräter ist Keynote Speaker, Autor und Experte für Motivation, mentale Gesundheit und menschliche Führung. Der dreifache Europameister im öffentlichen Reden war 24 Jahre in der Würth-Gruppe tätig und hat mehr als 150 Veranstaltungen und Incentives mit insgesamt über 370.000 Teilnehmenden verantwortet. Heute unterstützt er Unternehmen, Führungskräfte und Teams dabei, Motivation, Wertschätzung und Leistungsfähigkeit miteinander zu verbinden. Zu seinen Auftraggebern zählen unter anderem Bosch, PayPal und Unternehmen der Würth-Gruppe.
Weitere Informationen: https://norman-graeter.com
Quellen
Wissenschaftliches Institut der AOK (WIdO): Fehlzeiten-Report 2026, Pressemitteilung vom 8. Oktober 2026: https://www.wido.de/news-presse/pressemitteilungen/2026/fehlzeiten-report-2026/
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Gegründet wurde die Be Yourself Academy von Norman Gräter und Anke Rehfeldt. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht der Mensch hinter seiner Position – mit der Überzeugung, dass nachhaltige Veränderung dort beginnt, wo Menschen Verantwortung übernehmen, sich gesehen fühlen und gerne Teil eines Unternehmens sind.
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