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Wer Hilfe sucht, bekommt eine Warnmeldung: Suchtselbsthilfe im Netz von zwei Providern blockiert

Ein Selbsthilfeforum für Alkoholkranke ist in Deutschland und Österreich gesperrt. Ursache: ein falscher Eintrag in einer Datenbank, die Provider in ganz Europa nutzen. Ein Korrekturverfahren fehlt.

BildBertingen, 14. September 2026

Seit dem 12. September ist das Selbsthilfeforum alkoholiker-forum.de für Kunden von o2 Telefónica in Deutschland und von A1 in Österreich mit einem sogenannten DNS-Schutz nicht mehr aufrufbar. Statt der Seite erscheint eine Warnmeldung, die das Angebot als unsicher kennzeichnet. Das Forum ist seit 2004 online und zählt über 7000 registrierte Mitglieder sowie rund 100.000 Besucherinnen und Besucher im Monat.

Ein Sicherheitsproblem liegt nicht vor. Die unabhängigen Prüfdienste Google Safe Browsing, VirusTotal, urlscan.io und Norton Safe Web weisen die Seite übereinstimmend als unauffällig aus. Ein vollständiger Sicherheitsaudit sowie die täglich laufenden automatischen Scans blieben ohne Befund.

Eine Benachrichtigung über die Sperre hat der Betreiber nie erhalten. Er erfuhr davon, weil sich Nutzerinnen und Nutzer im Forum beschwerten.

Was technisch passiert ist, in einfachen Worten

Wer eine Internetadresse eingibt, muss diese zunächst in eine Nummer übersetzt bekommen, mit der Computer etwas anfangen können. Diesen Dienst nennt man DNS; man kann ihn sich als das Telefonbuch des Internets vorstellen. Ohne Auskunft kein Anschluss.

Viele Anbieter verkaufen ihren Kunden inzwischen einen Schutzdienst, der in dieses Telefonbuch eingreift: Bevor die Auskunft erteilt wird, prüft das Netz die Adresse gegen eine Liste bekannter Betrugs- und Schadseiten. Steht die Adresse auf der Liste, gibt es keine Auskunft, sondern eine Warnung. Das ist grundsätzlich sinnvoll und schützt vor Phishing und Schadsoftware.

Der entscheidende Punkt: Diese Liste führen die Netzbetreiber nicht selbst. Sie kaufen sie ein. Im vorliegenden Fall stammt sie vom tschechischen Unternehmen Whalebone mit Sitz in Brno, dessen Plattform sowohl dem Dienst von o2 als auch dem von A1 zugrunde liegt.

Die Sperre in Deutschland und Österreich sind deshalb nicht zwei unabhängige Vorfälle. Es ist ein Eintrag, der an zwei Stellen wirkt.

Warum das ein europäisches Problem ist

Dieselbe Datenbank wird nach Angaben des Unternehmens von Telekommunikationsanbietern in zahlreichen Ländern genutzt. Dasselbe Unternehmen führt zudem das von der Europäischen Kommission geförderte Konsortium DNS4EU an, das eine europäische Alternative zu amerikanischen DNS-Anbietern aufbauen soll.

Das bedeutet: Ein einzelner falscher Eintrag kann eine Website gleichzeitig in mehreren Mitgliedstaaten unerreichbar machen. Nicht langsam, nicht schlechter auffindbar, schlicht nicht mehr da. Für die Betreiberin oder den Betreiber gibt es keine Benachrichtigung, keine Begründung, keinen öffentlich auffindbaren Weg, eine Überprüfung zu verlangen, und keine Frist, innerhalb derer entschieden werden muss.

Hinzu kommt, dass eine solche Sperre praktisch unsichtbar ist. Sie wirkt nur in den Netzen der jeweiligen Anbieter. Von außen betrachtet funktioniert die Website einwandfrei; der Server läuft, die Seite lädt, sämtliche üblichen Überwachungswerkzeuge melden keinen Fehler. Wer keine Nutzergemeinschaft hat, die sich beschweren kann, erfährt von seiner eigenen Sperre unter Umständen nie.

Warum es gerade hier besonders schwer wiegt

Selbsthilfeforen im Suchtbereich werden typischerweise in einem sehr bestimmten Moment aufgerufen: nachts, anonym, oft nach langem Zögern, häufig beim allerersten Versuch, sich Hilfe zu suchen. Wer in diesem Moment eine Warnung sieht, das Angebot sei gefährlich, unternimmt einen zweiten Versuch womöglich nicht.

“Bei einem Onlineshop wäre das ein Umsatzproblem”, sagt Alexander Müller, Betreiber des Forums. “Hier sitzt jemand nachts um halb zwei vor dem Handy, hat sich endlich durchgerungen, und bekommt gesagt, dass das Ziel gefährlich ist. Was daraus wird, erfährt niemand von uns.”

Hinzu kommt eine strukturelle Sorge: Filterkategorien solcher Systeme umfassen regelmäßig Themenbereiche wie Alkohol und Drogen. Ob dabei zuverlässig zwischen Angeboten unterschieden wird, die Konsum bewerben, und solchen, die beim Ausstieg unterstützen, ist von außen nicht überprüfbar. Betroffen wären dann nicht nur einzelne Foren, sondern Beratungsstellen, Verbände und Selbsthilfegruppen insgesamt, und zwar ohne dass sie es merken.

Forderungen des Betreibers

Der Betreiber stellt ausdrücklich nicht in Frage, dass Schutz vor Betrug und Schadsoftware notwendig ist. Er fordert ein Verfahren für den Fall, dass eine Einstufung falsch ist:

* Korrektur an der Quelle. Eine Fehleinstufung muss zentral in der Datenbank behoben werden, sodass sie in allen betroffenen Netzen zugleich wirkt, nicht als Einzelfreischaltung bei jedem Anbieter.
* Benachrichtigungspflicht. Wer eine Domain als gefährlich einstuft, informiert den Inhaber und nennt den Grund.
* Ein dokumentiertes Prüfverfahren mit verbindlicher Frist, öffentlich auffindbar und ohne Registrierung erreichbar. Andere Anbieter von Sicherheitslisten betreiben das seit Jahren.

Der Fall wurde dem Betreiber der Datenbank gemeldet. Parallel wurde die Bundesnetzagentur um eine Auskunft zu Zuständigkeit und Verfahren gebeten; ein Vorgang ist dort anhängig. Zusätzlich wurden der Beauftragte der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen sowie die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen informiert. Derzeit wird geprüft, ob die geforderte Benachrichtigung und das Korrekturverfahren nach geltendem europäischem und deutschem Recht bereits verpflichtend sind.

Aufruf an andere Betroffene

Betreiber von Gesundheits-, Beratungs- und Selbsthilfeangeboten werden gebeten, die Erreichbarkeit ihrer Seiten in den Netzen großer Anbieter zu prüfen. Der Test dauert Sekunden: Eine Person mit einem Anschluss im jeweiligen Netz mit “Schutz” ruft die Seite auf. Meldungen nimmt der Betreiber unter der unten genannten Adresse entgegen, auf Wunsch anonymisiert.

https://alkoholiker-forum.de/forum/thread/45201-false-positive-durch-sogenenannten-o2-onlineschutz

https://seo-nw.de/forum/thread/125483-wenn-ein-zulieferer-entscheidet-wer-erreichbar-ist-netzneutralit%C3%A4t-ja-aber/

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alkoholiker-forum.de ist ein Online-Selbsthilfeangebot für alkoholabhängige Menschen, Angehörige und Co-Abhängige. Das Forum besteht seit 2004, hat 7000 registrierte Mitglieder und wird ehrenamtlich von Alexander Müller, sowie 8 Moderatoren betrieben. Der Austausch erfolgt anonym, werbe- und kostenfrei.

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