WIRTSCHAFT

Der wahre Konflikt ist nicht Alt gegen Jung, sondern schlechte Führung!

Generationenkonflikte werden oft vorschnell den Beschäftigten zugeschrieben.

Wenn Babyboomer, Generation X, Generation Y und Generation Z aneinandergeraten, dann fehlt es oftmals an Klarheit, Wertschätzung und verbindlicher Führung. Ob es um unterschiedliche Vorstellungen von Arbeitszeiten, Kommunikation oder Leistungsbereitschaft geht: In vielen Organisationen wird schnell von einem Generationenkonflikt gesprochen. Der Management- und Generationenexperte Ralf Overbeck sowie Inhaber von Ralf Overbeck Consulting warnt jedoch vor dieser bequemen Ausrede. Nicht das Alter der Beschäftigten ist das eigentliche Problem. Entscheidend ist, wie gut Führungskräfte mit unterschiedlichen Erwartungen umgehen.

In Unternehmen treffen heute mehrere Generationen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Lebenswegen und Erwartungen aufeinander. Das ist keine Belastung, sondern zunächst eine große Chance. Erfahrene Mitarbeitende bringen Fachwissen, Praxis und Orientierung ein. Jüngere Beschäftigte stellen neue Fragen, nutzen digitale Möglichkeiten selbstverständlich und hinterfragen eingespielte Abläufe.

Trotzdem entstehen im Arbeitsalltag immer wieder Spannungen. Die einen beklagen mangelnde Leistungsbereitschaft. Die anderen kritisieren starre Strukturen, fehlendes Feedback und eine veraltete Kommunikation. Schnell heißt es dann: „Die jungen Leute wollen nicht mehr arbeiten“ oder „Die Älteren sind nicht offen für Veränderungen“.

Für Overbeck greift diese Sichtweise jedoch zu kurz: „Der wahre Konflikt ist in vielen Fällen nicht Alt gegen Jung. Er entsteht dort, wo Führungskräfte Unterschiede nicht erkennen, nicht moderieren und keine klaren Spielregeln für die Zusammenarbeit schaffen.“

Generationenklischees sind bequem, aber sie lösen kein einziges Problem.

Pauschale Urteile sind verführerisch. Sie vereinfachen komplizierte Situationen. Doch sie verhindern Lösungen. Nicht alle Babyboomer lehnen Veränderungen ab. Nicht alle Mitglieder der Generation Z erwarten eine Vier-Tage-Woche. Und nicht alle Beschäftigten der Generation X möchten ausschließlich in Ruhe gelassen werden. Und nicht jede Führungskraft der Generation Y führt automatisch moderner als ihre älteren Kolleginnen und Kollegen.

Menschen sind unterschiedlich. Zwar prägen Generationen Menschen, aber sie erklären nicht alles. Führung beginnt deshalb mit Zuhören und Beobachten. Was motiviert die einzelne Person? Welche Erfahrungen bringt sie mit? Wie möchte sie angesprochen werden? Wo braucht sie Freiheit? Wo braucht sie Orientierung? Und welche verbindlichen Regeln gelten für alle?

„Gute Führung bedeutet nicht, jede Erwartung zu erfüllen“, betont Overbeck. „Gute Führung bedeutet, verständlich zu kommunizieren, nachvollziehbare Entscheidungen zu treffen und konsequent zu handeln. Beschäftigte aller Altersgruppen brauchen Klarheit, Vertrauen und Wertschätzung.“

Gerade in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten wird dies zum Wettbewerbsfaktor. Der Gallup Engagement Index Deutschland 2025 zeigt: Nur jeder zehnte Beschäftigte ist emotional stark an das eigene Unternehmen gebunden. Viele Mitarbeitende erledigen ihre Aufgaben, bringen sich aber nicht mehr mit voller Energie ein. Unternehmen können es sich nicht leisten, dieses Potenzial ungenutzt zu lassen.

Wo Führung fehlt, werden Unterschiede zu Konflikten.

Probleme entstehen selten allein durch unterschiedliche Werte oder Gewohnheiten. Sie eskalieren, wenn Führungskräfte zu lange wegschauen oder Konflikte vorschnell als unvermeidbare Generationsfrage abtun.

Ein typisches Beispiel ist die Kommunikation. Während einige Beschäftigte ein persönliches Gespräch bevorzugen, möchten andere Informationen schnell und digital erhalten. Beides ist legitim. Eine Führungskraft muss jedoch klären, welche Informationen über welchen Kanal weitergegeben werden. Sonst entstehen Missverständnisse, Gerüchte und Frustration.

Ähnlich verhält es sich mit dem Thema Flexibilität. Mobiles Arbeiten, Arbeitszeiten oder Erreichbarkeit dürfen nicht stillschweigend unterschiedlich interpretiert werden. Führungskräfte müssen Erwartungen offen ansprechen und nachvollziehbare Vereinbarungen treffen.

Auch der Wissenstransfer braucht Führung. Bis 2039 werden rund 13,4 Millionen Erwerbspersonen in Deutschland das gesetzliche Rentenalter überschritten haben. Wenn Unternehmen erst kurz vor dem Ausscheiden langjähriger Mitarbeitender über die Weitergabe von Erfahrungen nachdenken, ist es zu spät.

„Wissenstransfer geschieht nicht automatisch“, sagt Overbeck. „Er muss organisiert, wertgeschätzt und fest im Arbeitsalltag verankert werden. Dabei geht es nicht nur um die Weitergabe von Wissen von Alt an Jung. Auch jüngere Mitarbeitende bringen Kompetenzen mit, von denen erfahrene Kolleginnen und Kollegen profitieren können.“

Gute Führung macht aus Vielfalt eine Stärke.

Unternehmen benötigen keine Sonderbehandlung für einzelne Generationen. Sie benötigen eine Führungskultur, die unterschiedliche Menschen ernst nimmt und gemeinsame Ziele schafft.

Dazu gehören klare Verantwortlichkeiten, regelmäßige Gespräche und eine Kommunikation, die nicht erst beginnt, wenn Konflikte bereits eskaliert sind. Führungskräfte müssen Leistungen anerkennen, Erwartungen verständlich formulieren und konstruktives Feedback geben. Sie müssen aber auch Grenzen setzen und Entscheidungen treffen.

Generationenmanagement ist daher kein Wohlfühlprogramm und keine kurzfristige Personalmaßnahme. Es ist ein zentraler Bestandteil moderner Unternehmensführung. Es geht darum, die Stärken aller Generationen zu erkennen und für eine nachhaltige Geschäftsentwicklung zu nutzen.

„Wir brauchen jeden Menschen in einer Organisation, denn jeder Mensch hat etwas geleistet“, erklärt Overbeck. „Die entscheidende Frage lautet nicht: Welche Generation ist schwieriger? Die entscheidende Frage lautet: Wie schaffen wir eine Kultur, in der Menschen unterschiedlicher Generationen erfolgreich miteinander arbeiten können?“

Seine Botschaft an Geschäftsführungen und Führungskräfte ist eindeutig: Wer Generationenkonflikte nur beklagt, macht es sich zu einfach. Wer hingegen zuhört, klare Spielregeln schafft und den Dialog zwischen den Generationen aktiv fördert, stärkt Mitarbeiterbindung, Wissenstransfer und Arbeitgeberattraktivität.
Oder kurz gesagt: Alt + Jung = Erfolg!

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