Warum Menschen Führung brauchen – und warum Führungskräfte Risiken eingehen

Neue Studie über Menschen und Schimpansen zeigt evolutionäre Gemeinsamkeiten bei Führung, sozialem Rang und Risikobereitschaft. BioLogik überträgt das verhaltensbiologische Erbe für moderne Führung.
Karlsruhe, 30.10.2026 – Warum übernehmen manche Menschen Führung, während andere lieber folgen? Was bringt Menschen dazu, Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen und Verantwortung für eine Gruppe zu übernehmen? Und was haben menschliche Führungskräfte mit ranghohen Schimpansen gemeinsam?
Eine internationale Forschungsgruppe um Lou M. Haux vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin liefert dazu neue Erkenntnisse. Die 2026 in der Fachzeitschrift _The Leadership Quarterly_ veröffentlichte Studie zeigt: Sowohl bei Menschen als auch bei Schimpansen besteht ein positiver Zusammenhang zwischen sozialer Führungsposition beziehungsweise hierarchischem Rang und der Bereitschaft, Risiken einzugehen.
Die Ergebnisse eröffnen interessante Perspektiven auf die biologischen Grundlagen von Führung.
Warum braucht es überhaupt Führung?
Führung ist keine Erfindung des Menschen. Sie erfüllt grundlegende Funktionen, die sich im Laufe der Evolution herausgebildet haben. Wenn sozial lebende Arten gemeinsame Ziele verfolgen, Gefahren bewältigen oder begrenzte Ressourcen erschließen müssen, entsteht ein Bedarf an Koordination für das gemeinsame Handeln.
Aus evolutionärer Sicht konnte das beispielsweise die Organisation gemeinsamer Jagden, die Verteidigung gegen andere Gruppen oder die Entscheidung über neue Aufenthaltsorte betreffen. Führung ermöglicht es Gruppen, ihr Verhalten aufeinander abzustimmen und gemeinsam Herausforderungen zu bewältigen. Die Studie greift evolutionäre Führungsmodelle auf, nach denen Führungs- und Gefolgschaftsbeziehungen adaptive Vorteile für beide Seiten bieten können.
Was zeichnet Führungskräfte aus?
Die Forschenden untersuchten Daten von 40.127 Menschen aus dem deutschen Sozio-oekonomischen Panel und Einschätzungen zu 86 Schimpansen in zwei afrikanischen Auffangstationen.
Das Ergebnis: Menschen, die über den gesamten sechsjährigen Beobachtungszeitraum eine Führungsposition innehatten, erreichten auf einer Skala von null bis zehn durchschnittlich 6,2 Punkte bei der Risikobereitschaft. Menschen ohne Führungsposition kamen auf 4,96 Punkte.
Bei Schimpansen zeigte sich ein noch stärkerer Zusammenhang zwischen hierarchischem Rang und Risikobereitschaft.
Die Forschenden sehen darin einen Hinweis darauf, dass die Verbindung zwischen Führung und Risikobereitschaft tiefe evolutionäre Wurzeln haben könnte. Allerdings beweist die Untersuchung nicht, dass risikofreudigere Menschen zwangsläufig bessere Führungskräfte sind oder aufgrund ihrer Risikobereitschaft in Führungspositionen gelangen.
Warum wollen Menschen führen?
Aus evolutionärer Sicht sind Führungspositionen mit individuellen Vorteilen verbunden: sozialem Status, Einfluss, Zugang zu Ressourcen und Anerkennung. Die Studie diskutiert zwei unterschiedliche Wege zu sozialem Einfluss.
Der erste beruht auf Dominanz. Einfluss entsteht dabei durch Stärke, Durchsetzung und die Fähigkeit, andere unter Druck zu setzen.
Der zweite Weg beruht auf Reputation. Menschen erhalten Einfluss, weil andere ihre Fähigkeiten, Erfahrungen oder Leistungen anerkennen und bereit sind, ihnen zu folgen.
Das zweite Modell ist für moderne Führung besonders interessant: Führung begründet sich hier auf dem gegenseitigen Nutzen. Die Führungskraft erbringt Leistungen für die Gemeinschaft, während die Gemeinschaft ihr dafür Anerkennung, Vertrauen und Einfluss gewährt.
Warum handeln Führungskräfte für ihr Team?
Die Ergebnisse der Studie bestätigen, das menschliches Verhalten von evolutionär entstandenen Motivations- und Funktionssystemen geprägt ist.
Das Streben nach Durchsetzung und Anerkennung bewegt Führungskräfte und andere Alphatiere dazu, Verantwortung zu übernehmen, Herausforderungen anzunehmen und sich innerhalb einer Gruppe zu bewähren. Gleichzeitig benötigen alle sozietär lebenden Wesen Bindung und Kooperation, um gemeinsame Ziele zu erreichen.
Aus dieser Perspektive muss zwischen dem persönlichen Antrieb, führen zu wollen, und dem Nutzen von Führung für die Gruppe unterschieden werden. Beides sollte zusammenwirken: Eine Führungskraft kann durch erfolgreiche Leistungen für ihr Team Anerkennung und Einfluss gewinnen. Die Gruppe wiederum profitiert von Orientierung, Koordination und gemeinsam bewältigten Herausforderungen. Erfolgreiches gemeinsames Handeln ist ein evolutionärer Überlebensvorteil für soziale Lebewesen.
Der Sinn der Führung liegt nicht in der Ausübung von Macht, sondern sichert als Form wechselseitiger Bedürfnisbefriedigung das Überleben der Gruppe.
Führung ist Verhalten – nicht Position
Die Ergebnisse werfen eine wichtige Frage für die moderne Arbeitswelt auf. Risikobereitschaft und sozialer Rang sind evolutionär miteinander verbunden, reichen aber noch nicht aus, um den Erfolg eines Unternehmen zu gewährleisten.
Erfolgreiche Führung braucht die Fähigkeit das gemeinsame Handeln zu organisieren, die Leistungsbeiträge aller in den Dienst des gemeinsamen Ziels oder der anstehenden Herausforderungen zu stellen.
Die BioLogik nennt die drei grundlegenden Funktionssysteme für das gemeinsame Handeln:
* Exploration und Flow: Menschen wollen entdecken, Herausforderungen bewältigen und ihre Fähigkeiten einsetzen.
* Wettkampf und Durchsetzung: Menschen streben nach Erfolg, Einfluss und Anerkennung.
* Bindung und Kooperation: Menschen benötigen soziale Zugehörigkeit und gemeinsames Handeln.
Das Zusammenspiel dieser Systeme zeigt: Nachhaltig wirksame Führung verbindet persönliche Leistungs- und Anerkennungsmotive mit der Fähigkeit, Bedürfnisse und Ziele aller Beteiligten einzubinden.
Dabei ist die individuelle Motivation der Führungskräfte legitim – quasi eine evolutionäre Konstante. Der Weg zum Erfolg ist jedoch immer eine gemeinsame Leistung aller Beteiligten. Führungskräfte, die es verstehen die Motive ihrer Mitarbeitenden anzusprechen und sich an die Regeln des gemeinsamen Handelns halten, sind Führungskräfte mit Reputation.
Wissenschaftliche Grundlage
Haux, L. M., Fulawka, K., Wagner, G. G., Hertwig, R. & Herrmann, E. (2026): _Human and chimpanzee leaders are more risk-loving._ The Leadership Quarterly, 37, 101992.
DOI: https://doi.org/10.1016/j.leaqua.2026.101992
Dehner, Klaus (1996): “Ethik und Moralpädagogik aus evolutionsbiologischer Perspektive”, Dissertation Heidelberg
Dehner, Klaus, Andreas Schnabel (2010): “Die Bindungsformel – Wie Sie die Naturgesetze des gemeinsamen Handelns erfolgreich anwenden”, Gabler Verlag Wiesbaden
Über BioLogik
Die Arbeitsgemeinschaft “BioLogik” beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit den evolutionären Grundlagen menschlichen Verhaltens und deren Bedeutung für Führung, Motivation und Zusammenarbeit.
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie biologische Verhaltensprogramme menschliche Entscheidungen, Leistungsbereitschaft und soziale Beziehungen beeinflussen und welche Konsequenzen sich daraus für die Gestaltung moderner Führung ergeben.
Weitere Informationen: www.biologik.de
Verantwortlicher für diese Pressemitteilung:
Verantwortlicher Arbeitskreis der BioLogik
Herr Andreas Schnabel
Breite Straße Breite Str
76135 Karlsruhe
Deutschland
fon ..: 01777469825
web ..: https://www.biologik.de
email : schnabel@biologik.de
Die “BioLogik” ist ein Beratungsangebot von Andreas Schnabel und Klaus Dehner. Es überträgt Erkenntnisse der Verhaltensbiologie auf Verhalten, Handeln, Führung. Die Wurzeln liegen am Lehrstuhl von Prof. Felix von Cube an der Universität Heidelberg.
Mehr unter www.biologik.de.
Pressekontakt:
Verantwortlicher Arbeitskreis der BioLogik
Herr Andreas Schnabel
Breite Straße 55
Karlsruhe 76135
fon ..: 01777469825
email : schnabel@biologik.de
AchtungFür den Inhalt des Artikels ist der jeweilige Autor und nicht der Seitenbetreiber verantwortlich. |


