Wer kümmert sich um die Chefs? Warum gesunde Führung bei der eigenen Gesundheit beginnt

Eine HanseMerkur-Studie zeigt: Führungskräfte vernachlässigen oft ihre eigene Gesundheit. Keynote Speaker Norman Gräter erklärt, warum das auch Beziehungen und Unternehmen gefährden kann.
HanseMerkur-Studie 2026 zeigt: Viele Führungskräfte achten stärker auf die Gesundheit ihrer Mitarbeiter als auf die eigene. Keynote Speaker Norman Gräter warnt davor, dass dauerhafte Überlastung nicht nur die Gesundheit, sondern auch Partnerschaften, Freundschaften und das persönliche Selbstbild belasten kann.
“Gehen Sie nach Hause. Sie sehen wirklich nicht gut aus.” Der Chef meint es ernst. Sein Mitarbeiter ist seit Tagen angeschlagen, schleppt sich trotzdem zur Arbeit und versucht, irgendwie durchzuhalten. “Ihre Gesundheit geht vor. Wir bekommen das hier schon hin.”
Auf den ersten Blick eine vorbildliche Führungskraft. Wäre da nicht eine Kleinigkeit. Derselbe Chef sitzt abends um 22:30 Uhr noch am Laptop. Seit Tagen schläft er schlecht. Das Wochenende ist längst mit Arbeit verplant. Und als er selbst krank wird, meldet er sich nicht ab. Schließlich trägt er Verantwortung. Für alle. Nur offenbar nicht für sich selbst.
Was wie eine überspitzte Alltagsszene klingt, beschreibt einen Widerspruch, den der HanseMerkur Longevity Leadership Report 2026 sichtbar macht. 67 Prozent der befragten Führungskräfte geben an, dass es ihnen leichter fällt, auf die Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu achten als auf die eigene. 53 Prozent arbeiten weiter, obwohl sie sich nicht arbeitsfähig fühlen. 60 Prozent haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich krankschreiben lassen. Für die Untersuchung wurden im August 2026 insgesamt 500 vollzeitbeschäftigte Führungskräfte in Deutschland befragt.
“Häufig verwechseln wir im Unternehmen ständige Verfügbarkeit mit Verantwortungsbewusstsein”, sagt Norman Gräter, mehrfach ausgezeichneter Keynote Speaker für Motivation und mentale Gesundheit. “Dabei ist eine Führungskraft nicht automatisch besser, nur weil sie als Letzte das Büro verlässt oder selbst krank noch erreichbar ist.”
Wenn Führungskräfte Überlastung vorleben
Gräter kennt die Mechanismen aus eigener Erfahrung. Mehr als 24 Jahre war er in der Unternehmens- und Eventwelt tätig. Er verantwortete zahlreiche Veranstaltungen und erlebte, wie schnell aus Begeisterung für den eigenen Beruf ein Alltag werden kann, in dem das Funktionieren wichtiger erscheint als das bewusste Erleben. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm eine ehemalige Vorgesetzte, die regelmäßig nachts durcharbeitete, morgens kurz nach Hause fuhr und um acht Uhr wieder im Büro saß.
“Lange Zeit hatte das Team deshalb Angst, als Erstes pünktlich nach Hause zu gehen”, erinnert sich Gräter.
Das Beispiel zeigt, wie stark Führungskräfte durch ihr eigenes Verhalten Erwartungen prägen können – selbst dann, wenn sie diese niemals ausdrücklich formulieren.
Wer ständig erreichbar ist, vermittelt möglicherweise ungewollt, dass permanente Verfügbarkeit zum beruflichen Erfolg dazugehört.
Wenn die Arbeit auch die Beziehungen belastet
Die HanseMerkur-Studie liefert Hinweise darauf, dass berufliche Belastungen nicht an der Bürotür enden. 37 Prozent der befragten Führungskräfte geben an, dass Freundschaften zu kurz kommen. Bei 33 Prozent ist es die Familie. Doch was geschieht, wenn diese Entwicklung über Jahre anhält?
Wenn der Partner sich daran gewöhnt, dass beim gemeinsamen Abendessen das Smartphone auf dem Tisch liegt? Wenn die Kinder irgendwann nicht mehr fragen, ob am Wochenende Zeit für sie bleibt? Wenn Freunde ihre Einladungen zunehmend einstellen? Für Norman Gräter sind diese Fragen keine theoretischen Überlegungen.
Während seiner Zeit im Eventgeschäft arbeitete er sechs Jahre lang an einem außergewöhnlich großen Projekt. Vier Monate vor dessen Abschluss stellte seine damalige Partnerin die Beziehung infrage. “Sie sagte zu mir: Unsere Beziehung ist jetzt vorbei. Ich kann nicht mehr. Mach erst einmal dein Projekt fertig, und dann sehen wir weiter. Denn in all den Jahren, in denen wir zusammen sind, warst du nie da.”
Gräter verstand die Aussage zunächst nicht. Schließlich hatte das Paar gemeinsame Urlaube und schöne Erlebnisse gehabt. Doch ihre Antwort brachte ihn zum Nachdenken: “Körperlich warst du zwar da. Nur in Gedanken warst du immer bei deinem Projekt.” Diese Erfahrung veränderte seinen Blick auf beruflichen Erfolg. “Ich habe meinen Beruf geliebt. Aber man kann beruflich erfolgreich sein und gleichzeitig vergessen, das eigene Leben zu leben”, sagt Gräter.
Was bleibt, wenn die berufliche Rolle wegfällt?
Dauerhafte Überlastung kann nicht nur gesundheitliche und familiäre Folgen haben. Sie wirft auch Fragen nach dem persönlichen Selbstbild auf. Was geschieht mit Menschen, die über Jahrzehnte einen großen Teil ihres Selbstwertgefühls aus beruflicher Anerkennung beziehen, wenn diese Rolle plötzlich wegfällt? Durch eine Kündigung, eine Erkrankung oder den Eintritt in den Ruhestand?
Der Titel verschwindet. Der Firmenwagen wird zurückgegeben. Die Einladungen zu wichtigen Veranstaltungen werden seltener. Und berufliche Kontakte, die früher zum Alltag gehörten, verlieren sich. Wer gleichzeitig persönliche Freundschaften vernachlässigt hat, kann dadurch in eine schwierige Lebenssituation geraten.
“Eine Position ist keine Identität”, betont Gräter. “Wer seinen Wert ausschließlich daran misst, welchen Titel er trägt, wie viele Menschen ihn brauchen oder welches Auto vor der Tür steht, baut sein Selbstbild auf etwas auf, das jederzeit verschwinden kann.” Beruflicher Erfolg sei wichtig. Er dürfe jedoch nicht zum einzigen Maßstab für den eigenen Wert werden.
Erst die eigene Sauerstoffmaske – dann anderen helfen
Für Gräter bietet die Sicherheitseinweisung im Flugzeug ein anschauliches Beispiel für gesunde Selbstführung. Im Notfall sollen Passagiere zuerst die eigene Sauerstoffmaske aufsetzen, bevor sie anderen helfen. Niemand bezeichnet dieses Verhalten als egoistisch. Es ist notwendig, um überhaupt helfen zu können. Im Berufsleben werde dagegen häufig ein anderes Verhalten erwartet.
Wer krank zur Arbeit erscheint, gilt mitunter als besonders engagiert. Wer ständig erreichbar ist, demonstriert vermeintlich Verantwortungsbewusstsein. Wer sich bewusst eine Auszeit nimmt, muss sich gelegentlich rechtfertigen. Dabei brauche gesunde Führung nicht nur persönliche Einsicht, sondern auch geeignete Rahmenbedingungen.
Unternehmen müssten hinterfragen, welche Erwartungen sie an ihre Führungskräfte stellen, ob Erholungszeiten respektiert werden und ob Führungskräfte offen über Überlastung sprechen können. “Führungskräfte prägen durch ihr Verhalten die Kultur eines Unternehmens”, erklärt Gräter. “Wenn der Chef selbst krank noch arbeitet, sendet er damit eine Botschaft an sein Team. Selbst dann, wenn er seinen Mitarbeitern ausdrücklich etwas anderes empfiehlt.”
Gesunde Führung beginnt deshalb nicht erst bei Maßnahmen zur Mitarbeitermotivation. Sie beginnt bei der Erkenntnis, dass auch Führungskräfte Menschen mit Bedürfnissen, Grenzen und einem Privatleben sind. “Freude am Leben ist für mich kein Bonus, den man sich nach einem erfolgreichen Arbeitstag verdient hat”, sagt Gräter. “Sie ist eine wesentliche Grundlage dafür, langfristig erfolgreich und mit Begeisterung arbeiten zu können.”
Vielleicht sollten Führungskräfte deshalb nicht nur darüber nachdenken, wie sie ihre Leistungsfähigkeit möglichst lange erhalten. Sondern auch darüber, wofür sie diese Leistungsfähigkeit eigentlich einsetzen möchten. Denn am Ende bleibt eine Frage, die sich weder mit einem größeren Gehalt noch mit einem beeindruckenden Titel beantworten lässt:
Wer wäre noch da, wenn morgen die Visitenkarte nichts mehr wert wäre?
Über Norman Gräter
Norman Gräter ist mehrfach ausgezeichneter Keynote Speaker, Autor und Experte für Motivation, mentale Gesundheit und persönliche Entwicklung. Nach mehr als 24 Jahren in der Unternehmens- und Eventwelt unterstützt er heute Unternehmen und Führungskräfte dabei, Motivation, Wertschätzung und eine gesunde Unternehmenskultur nachhaltig zu stärken.
Seine zentrale Botschaft lautet: “Freude am Leben = Erfolg im Job.” In seiner Keynote “Was wirklich führt – wenn Systeme nicht mehr greifen” zeigt Gräter, wie Menschen auch unter hohem Leistungsdruck neue Perspektiven entwickeln und wieder mehr Lebensfreude gewinnen können.
Weitere Informationen: norman-graeter.com
Studienquelle: HanseMerkur Longevity Leadership Report 2026. Befragung von 500 vollzeitbeschäftigten Führungskräften in Deutschland im August 2026.
Quelle und weiterführende Informationen: HanseMerkur Newsroom – Longevity Leadership Report 2026.
Den ausführlichen Blogbeitrag von Norman Gräter zum Thema gesunde Führung finden Sie unter: Wer kümmert sich um die Chefs? Warum gesunde Führung bei der eigenen Gesundheit beginnt
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